Gelegenheit

 

Abends, neulich, vor Kurzem, vor gar nicht langer Zeit klopfte das Telephon, nun,

es klingelte an der Tür, was sollte ich machen, erst den Hörer ab- bzw. aufnehmen oder die Tür öffnen? Es gelang mir nicht, ich war offensichtlich zu faul, beide Unannehmlichkeiten zu berücksichtigen und so, vermute ich jedenfalls, entgingen

mir mindestens zwei Gelegenheiten, die ich hätte wahrnehmen können.

 

Ein anderes mal, ich glaube, es war abends, neulich, vor Kurzem, vor gar nicht

langer Zeit, klingelte das Telephon, ich nahm den Hörer ab und fragte, „ja, bitte“, worauf eine schnarrende Stimme antwortet, „nein, danke“! Ich legte also den Hörer wieder auf, da klopfte es an der Tür. Ich öffnete verlegen, denn ich war nackt. Draußen, im Hausflur stand Tante Sabine und sah mich erschrocken an. „Können

Sie sich nicht etwas überziehen, Sie Ferkel!“ – „Stimmt“, sagte ich. – „Können wir

die Szene nicht noch mal drehen?“ Der Intendant nickte gelassen und der Regisseur ebenfalls. „So steht es ja auch nicht im Drehbuch,“ stellten beide im Sprechchor

fest. Nun ja, wie dem auch sei. Ich schlief wieder ein, denn ich war zu faul diese Geschehnisse aufzuschreiben, also begann sich mein Lektor zu langweilen. Kein Manuskript, keine Lektorarbeit, so einfach ist das. Diesen Lektor lernte ich vor Kurzem, neulich, vor gar nicht so langer Zeit kennen.

 

Abends, neulich, vor Kurzem, also vor gar nicht so langer Zeit klingelte er an der

Tür. Ich hatte mir gerade etwas übergezogen, ich glaube es war eine Art Bademantel oder ein Morgenrock, so genau kann ich mich nicht mehr daran erinnern, jedenfalls war ich nackt, jedoch bedeckt mit jenem kostümartigen, anfänglich bereits erwähnten Bekleidungselement. Ich öffnete die Tür und keiner war zu sehen. Das lag gewiss

an jenem Umstand, dass der Satz mit dem Morgenrock und dem Bademantel schier zu lang geraten war, denn während ich diesen zu Ende schrieb, muss gewiss eine Weile vergangen sein, die den Lektor warten ließ, bis diesem der Geduldsfaden riss und er kündigerweise seine Heimreise antrat, hatten wir beide eben Pech.

 

Ein anderes Mal, abends, neulich, vor Kurzem, vor gar nicht langer Zeit klopfte es

an meiner Wohnungstür. Ich öffnete und vor mir stand eine Person, die ich noch nie gesehen, nicht sehe und sehen werde. Das lag bestimmt daran, dass ich gar nicht

zu Hause zugegen, sondern ganz woanders verweilte, wie es in meinem Gedächtnis vermerkt wurde. Als mein Lektor jene Lektüre durchblätterte, warf er mir ab und

an einen zweifelhaften Blick zu, der mir sagen ließ, hätte ich bloß einen anderen Lektor ins Leben gerufen, als gerade diesen Korinthenkacker. Aber was will man

tun, ich lernte gerade Ihn kennen.

 

Das war nämlich folgendermaßen, abends, neulich, vor Kurzem, vor gar nicht mal

so langer Zeit klingelte das Telephon. Ich nahm den Hörer ab und legte ihn wieder

auf, denn es klingelte nicht das Telephon, sondern es klopfte an der Tür. Als ich die abnahm, öffnete sich die Telephonmuschel und herein stolzierte, ohne zu grüßen,

die Gelegenheit.

 

 

Jens Wollenberg                                                                                       17.8.2019