Familienstellen - eine sinnliche Methode

 

Am Anfang war die Familie. Dann kam das Kind, das in diese Familie hineinwuchs. Man braucht kein Anhänger des Familienstellens zu sein, um zu akzeptieren, dass z.B. hinter dem Geschehen des sexuellem Missbrauch das Faktum steht, dass die Kinder in diesen Familien Rollen übernehmen, die ihnen nicht gemäß sind. Sie sind Partner, Tröster oder Freund.

Das prägt ganz allgemein - sowohl im guten Sinne wie auch im nachteiligen Sinne. Als Kind macht man erst einmal mit. Als Erwachsener ist man frei und kann darüber mit therapeutischen Mitteln oder via Selbsterfahrung reflektieren. Das Familienstellen ist eine Art der Reflektion, erst eine Form des Aufdeckens und dann des sich Umstellens und somit des Herauslösens aus der schädlichen Position.

 

In den Sechzigern hatte sich langsam die Erkenntnis durchgesetzt, dass man den einzelnen Klienten nicht ohne sein Umfeld, sein System betrachten kann. Aus dieser Einsicht entwickelte Levy Moreno sein Psychodrama und Virginia Satir ihre Familien-skulptur.

Beiden Ansätzen ist gemein, dass sie eine „Therapieform" sind, die auf die Mithilfe und Kreativität weiterer Menschen baut. Fremde Menschen zeigen - Satir - oder spielen - Moreno - Ausschnitte aus dem Leben des Klienten. Bert Hellinger hat diese Methode aufgegriffen und zu ihrer heutigen Form weiter entwickelt. Griff bei Satir und Moreno der Therapeut noch richtungweisend ein, indem die Vertreter vorgegebene Lösungen probierten, so war es Hellinger, der entdeckte, dass die Stellvertreter, lies man sie sich mit genügend Zeit und Achtsamkeit in die Rolle einfühlen, durch eigene Sätze, Bewegungen und Hinweise zur Lösung beitrugen. Hellinger dagegen setzte sich in eine moderierende Rolle zurück.

 

Anne, 31 Jahre wählt für sich und für die Personen, mit denen sie in einem festge-fahrenen Konflikt steckt, Stellvertreter aus und stellt sie nach aktuellem Befinden auf. Anne, ihren Opa, ihren Vater und ihre Mutter. Sie stellt aus Annes Sicht den Opa vor sich hin, ihren eigenen Vater links neben sich und ihre Mutter links, schräg hinter sich.

 

Schon diese erste Konstellation veranschaulicht dem Klienten, der außen sitzt, seine eigentliche Situation.

 

Als nächstes, und dies Phänomen fiel Hellinger auf, nehmen die Vertreter eigen-ständig Haltungen an, die den der realen Personen sehr ähnlich sind. Sie treten sogar in einen Dialog, der ebenfalls relativ identisch ist mit dem der Wirklichkeit.
Die Aufgabe des Leiters besteht darin, darauf zu achten, dass das Miteinander nicht aus dem Ruder läuft, er verlangsamt es und achtet darauf, dass die Vertreter sich der Reihe nach äußern. Weiter animiert er - da hilft seine Intuition - die Beteiligten das sagen zu lassen, was sie ehrlich empfinden.

 

Die Stellvertreter werden beteiligt indem sie den vorgeschlagenen Satz oder die vorgeschlagene Handlung auf ihre Stimmigkeit überprüfen. Es geht dort weiter, wo es für alle stimmig ist.


Anne klagt ihren Opa, der sich auch hier mit einem freudigen Strahlen im Gesicht zeigt und den sie in ihrer Kindheit als liebevoll und fürsorglich erlebt hat, wegen seiner Nazivergangenheit an. Der Opa geht mit dieser sehr offen um. Das reizt Anne zu weiterer Kritik. Der Opa ist empört: „Du maßt dir etwas an, was dir nicht zusteht!"


Wie steht Annes Vater dazu: „Er ist mein Vater! Das geht mich nichts an, ich bin anders!"  Die Mutter: „Der Opa sieht mich nicht! Ich will mich hinlegen."


Es folgen weitere Sätze und Gefühlsäußerungen. In der Regel dauert eine Aufstellung 1 ½ Stunden, aber im Endeffekt zeigt sich schon jetzt der Lösungsweg. Nur erkennt man das erst am Ende.

 

Es werden weiter die Empfindungen abgefragt und man folgt in geordneter Weise den Bewegungsimpulsen. Inzwischen ist herausgekommen, dass die Tendenz der Mutter sich hinzulegen darin begründet ist, dass sie vor 2 Jahren verstorben ist. Ganz generell kann man bei dieser Methode sagen, dass Personen, die liegen oder sich bei der Aufstellung legen möchten, Verstorbene darstellen.

 

Der Leiter fordert die Mutter auf dies zu tun. Die will sich aber an die Stelle legen wo Anne noch immer steht. Die außen sitzende Anne rührt sich: „Ich stehe auf der Stelle meiner Mutter und habe sie gegenüber dem Opa vertreten!"

 

Ein Moment der Stille!

 

„Ich bin doch nur die Tochter!"

 

Ist so ein Aha-Punkt erreicht, kann der Leiter die Vertreterin durch die reale Anne austauschen und diese die neue Konstellation selber erfahren lassen. Anne steht jetzt in diesem Konflikt an der richtigen Stelle. Hellinger spricht von richtig, wenn die Beteiligten sich vom Anblick her auf diesem Platz gut fühlen. Das sieht der Leiter, der Klient spürt es und die außen Sitzenden sehen es ebenfalls. Weiter weg vom Opa und vor dem eigenen Vater, so dass sie aber den geliebten Opa noch sehen kann.

 

„Ich bin nur die Tochter!"

 

 

Roland Timmig                                                                                       01/2010