Die Metamorphose einer Sichtweise

 

Würde man heute behaupten, dass die Erde eine Scheibe sei, dann würde jeder abwinken und denjenigen, der das behauptet, als Spinner bezeichnen. Doch lässt dies Wissen von heute die Frage unbeantwortet, warum damals viele Menschen davon überzeugt waren, dass die Erde eine Scheibe war. eine runde vermutlich, an deren Rändern man herunterfallen konnte.

Weiter wird unbeachtet gelassen, weshalb diese Fraktion auf die Idee kam dies zu sagen und nicht darauf, dass die Erde ein Quadrat, ein Fünfeck oder eine Schüssel sei und warum gerade diese Auffassung, die Erde sei eine Scheibe sich als damalige Gegenthese bis heute am Leben erhält.

Die Auseinandersetzung, wie sie uns heute dargestellt wird, drehte sich damals darum, ob die Erde eine Scheibe oder eine Kugel sei.

Wie die Geschichte zeigt, waren die Ersten die Dummen und die Zweiten die Schlauen. Oder? So sehen wir es.

Ich will hier versuchen zu zeigen, auf welche Phänomene sich die so genannte „dumme“ Fraktion bezog, aus der sie die Überzeugung gewann, dass es sich bei der Erde um ein kreisrundes flaches Objekt handelte und dass diese Phänomene auch ohne weiteres in die Wahrnehmung der „schlauen“ Fraktion passen. Diese haben dann im Gegensatz dazu weitere Phänomene wahrgenommen, die dann ganz richtig zur Erkenntnis führte, dass die Erde eine Kugel sei.

 

Kreiserfahrung

Stellen Sie sich in die Mitte eines großen kreisrunden Platzes. Er sollte so groß sein, dass sie zum Rand hin in waagrechter Art schauen können, also von ihrer eigenen vertikalen Achse fast im rechten Winkel weg. Ihr Blick ist mittig und ich nenne es hier einmal auf 12 Uhr gerichtet.

Sie halten die Augen ruhig und fixieren nicht. Jetzt sehen Sie den Rand in ihrem peripheren Blickfeld an seine beiden Seiten als nach unten fallenden Bogen. Links fällt er nach unten und rechts. Registrieren sie es. Behalten Sie ihren waagrechten Blick bei und drehen Sie sich leicht wie ein Leuchtturm zum Beispiel nach rechts im Uhrzeigersinn. Ist die erste Momentaufnahme bei 12 Uhr und die zweite bei 2 Uhr so müsste der Bogen doch schon tiefer liegen. Tut er aber nicht. Sie schauen wie gehabt in Richtung 2 Uhr und sie haben wieder das Bild, dass der Bogen in der Mitte auf der gehaltenen Höhe ist und zu den Seiten hin abfällt. Sie können sich sogar langsam im Kreis drehen und die Kreiskante bleibt immer in ihrer Blickfeldmitte auf selber Höhe. Eigentlich klar, obwohl es schon ein Paradoxon ist. Sie schauen gerade aus auf eine Kante, die zu den Seiten hin abfällt und wenn sie ihr wie mit einem Leuchtturmblick folgen, bleibt sie in der Bildmitte immer auf gleicher Höhe.

 

Waagerechterfahrung

Man sagt ja nicht umsonst, dass etwas waagerecht oder horizontal ist und man bezieht sich in dieser Beschreibung auf eine Erfahrung mit dem Wasser, mit der Wasseroberfläche. Die alltägliche Erfahrung besteht darin, dass das Wasser im „Kleinen“ eine waagerechte Ebene bildet, Sobald „es“ schräg gehalten wird, fließt es. Es fließt so lange es Gefälle gibt und bis die unterschiedlichen Niveaus auf einer Höhe sind. Dies im Kleinen zu hinterfragen wäre schon fast albern, denn man würde eine Jahrtausende alte Erfahrung, auf das im wahrsten Sinne des Wortes gebaut wurde hinterfragen. Auf dem Bau funktioniert nichts ohne diese Wasserwaagen-annahme. Selbst über größere Strecken, wenn man eine Schlauchwaage nimmt, geht man davon aus, dass der Wasserstand links mit dem Wasserstand rechts eine Ebene bildet oder eben auf gleicher Höhe sind. Mit dieser täglichen Erfahrung im „Kleinen“ lebt und arbeitet der Mensch. Es liegt also nahe, dass das, was für eine Pfütze, einen Teich, einen See gilt, eben auch für das weite offene Meer gilt. Es ist waagerecht und das in der Ferne erblickte Ende, der Horizont eben auch, eben horizontal.

 

Horizonterfahrung

Stellen Sie sich also mit dieser Erfahrung an den Rand einer Steilküste und vor ihnen liegt das Meer. Sie blicken entspannt in Richtung Horizont, im rechten Winkel weg von ihrer Achse. In der Peripherie ihres Blickfeldes sehen sie, wie der angeblich waagrechte Horizont abfällt. Folgen sie dem Horizont indem sie ihren Blick weiterhin geradeaus gerichtet lassen in Richtung 2 Uhr und bleibt auch hier ihre Blickmitte immer auf gleicher Höhe, dann sehen sie, dass die Seiten abfallen.

Was liegt da näher für den Beobachter die Erfahrung mit dem Kreis mit der Waagerechterfahrung zu kombinieren und den „abfallenden“ Horizont in „Wirklichkeit“ als die Kante eines Kreises, einer Scheibe zu deuten.

Es ist also fast konsequent, dass man aus der Kombination dieser Erfahrungen auf die Erkenntnis kommt, dass die Erde eine Scheibe ist.

Stören tut da eigentlich nur das Phänomen, dass Schiffe, die vom Horizont auf einen Betrachter an Land zusegeln erst mit der Mastspitze samt Flagge auftauchen, dann mit den Segeln und dann mit dem Schiffsrumpf bis zur Kiellinie. Man beachte aber, ab wann gab es in größerer Anzahl Schiffe mit solchen Aufbauten und Höhen, so dass jeder tagtäglich dieses Phänomen beobachten und verinnerlichen konnte. Das Team BMW/Oracle mit seinem Tragflächen-Segel (68m) gab es damals noch nicht und der Koloss von Rhodos hatte gerade einmal eine Höhe von 30-35m. Es war also für wenige Menschen ein zeitlich sehr kurzes Erlebnismoment für dies „störende“ Phänomen.

Am Anfang habe ich geschrieben, dass wir heute davon ausgehen, dass es damals einen Streit zwischen den Anhängern der Scheibe und den Anhängern der Kugel gab. Also eine Polarisierung. Auch hier hat sich noch keiner Gedanken darüber gemacht, dass die Seherfahrung, die zur These von der Scheibe kommt, eine „niedere“ Seherfahrung ist, die in der Seherfahrung drin steckt, die zur Kugel führt. Die Kreiserfahrung kann auch gemacht werden, wenn man auf einer flachen Kappe steht.

Da aber die Vorstellung der Erde von einer Kappe völlig abwegig war, polarisierte sich vermutlich der Streit zwischen den Anhängern der Scheibe und der Kugel bis heute, obwohl die Scheibe, schneidet man die Kugel oben waagerecht ab, in dieser drin steckt.

 

Also Scheibe, Kappe, Kugel und nicht entweder oder.

 

 

Roland Timmig                                                                                         Juni / 2010