Blaues Haus - ein Kleinod für Tangueros

 

Mitten in der Fränkischen Schweiz liegt Döllnitz. Eingebettet zwischen sanften Hügeln und weit gezogenen Tälern windet sich die schmale Straße dem alten Postweg folgend durch die saftig grünen Wiesen. Man braucht schon eine detaillierte Karte und etwas Instinkt um das 300 Seelendorf zu finden. Hier im Norden Bayerns wird heute Abend zur Milonga mit Live-Musik geladen.

 

Zu den Stallungen
Zu den Stallungen

Es ist die ehemalige Poststation auf dem Weg zwischen Thurnau und Kulmbach, die 1992 in der Besitz der Familie Tröster überging und seitdem das „Blaue Haus" genannt wird. Blau, weil inzwischen das Anwesen blau gestrichen ist. Früher war es einmal die Poststation mit der Remise für die Kutschen, die Stallungen für die Pferde, dem Schankraum für die Reisenden und ein Saal für die Dörfler, die sich hier an den Feiertagen zum „Schwof" trafen. Heute ist alles anders. Der Rest der Dorfbewohner „glotzt" sich die „Tangoszene" eher im Fernsehen an, anstatt dass sie bei diesen Hippies und Exoten vorbeischauen.

 

In diesem strahlend blauen Haus treffen sich die Tangueros aus dem Norden Bayerns. Sie finden ihren Weg nach Döllnitz trotz oder mit Hilfe von GPS. Sonst wird nicht viel Technik benutzt. Gerade einmal eine HiFi-Anlage gibt es, in die aus einer großen Auswahl die CDs eingeworfen werden. Das macht in der Regel Jim Tröster. Ansonsten gibt es viele Kerzen, einige nostalgische Lampen und Lampions. Die Musikgruppe heute Abend - „Flores del Tango" - kommt ohne Elektronik aus.

 

Knackendes Parkett
Knackendes Parkett

Der Saal im 1. Stock mit seinem hohen Tonnen-gewölbe braucht keine Klimaanlage, man ist hier auf dem Dorf, da kann man die Fenster zum Tal hin aufmachen. Das stört allenfalls Emil, den Schimmel. Der Saal kam später hinzu, er hat ein wunderbar knackendes Parkett, eine Galerie und eine Apsis mit Podest, die als Minibühne genutzt wird. Im Augenblick durchstrahlt die Abendsonne den farbig gestalteten Raum. Die Musiker sind mit dem Aufbau beschäftigt. 


Der Saal und die Holländerin Marijke Beemsterboer waren es, die den Tango nach Döllnitz brachten. Li Tröster, die Frau von Jim und im echten Leben Weberin war 1997 auf einem Handwerkermarkt, auf dem auch Marijke eine Töpfersehefrau war.

Marijke Beemsterboer
Marijke Beemsterboer

Zu fortgeschrittener Stunde, so sagt es die Legende, hörte Marijke in einem Nachbar-zelt Argentische Tangomusik. Sie, die den Tango sogar mit den Männerschritten beherrscht, ging hin und ließ sch nicht lange bitten, den anwesenden Männern und Frauen einige einfache Schritte zu zeigen. Unter diesen waren eben auch die Trösters, die wiederum einen schönen Saal ihr eigen nennen. Am Ende des Abends war die Idee geboren, hin und wieder im Saal des Blauen Hauses Tangos aufzulegen und danach zu tanzen. Inzwischen ist daraus ein Kleinod der Tangobegeisterten entstanden. Marijke verfeinerte ihr Wissen bei Michael Domke in Bremen, welches sie in regelmäßigen Workshops unter anderem auch in Döllnitz an die Freunde des Tangos weitergibt.. Denn, das ist klar, in so einer dünn besiedelten Gegend muss man etwas dafür tun, dass es genügend Tänzer und Tänzerinnen gibt.

 

Vor dem auftritt
Vor dem auftritt

 

Inzwischen sind die Musiker, am Flügel Ruth Schiffel, am Bandoneon Jim Tröster, am Kontrabass Adelheid von Uslar und die Flötistin Li Tröster mit dem Aufbau fertig. Da heute Abend wieder einige neue Arrangements zur Aufführung kommen gibt es einen Probelauf. Dies ist erforderlich, weil gerade für die Flötistin einige Stücke umgeschrieben werden mussten. Entweder wird das bei Julian Hasse in Auftrag gegeben oder auch selber gemacht. Zusammengefunden hat sich das Orchester in Etappen. Anfänglich stand die Hausmusik im Vordergrund, man war zu dritt und spielte Tangos so für sich. Dann kam Ruth hinzu, wagte einen ersten öffentlichen Auftritt und ist jetzt so routiniert, dass man eine komplette Milonga bedienen kann. Gespielt wird was den Mitgliedern gefällt und was tanzbar ist. Dazu gehören dann schon auch einmal ausgefallenere Sachen wie der Foxtrott „Amor en Budapest" von Enrique Rodriguez. So hat sich ein illustres Laienorchester zusammengefunden, was weitere Musiker aus der Umgebung anzieht. Als neues Mitglied wird die in Kulmbach lebende Sängerin Heddy Lüdden dazu stoßen. Stolz könnte man vermelden, dass die Gruppe „Flores del Tango" damit ein erstes Stück Authentizität erhält. Heddy stammt nämlich aus Buenos Aires und kennt den Tango schon seit ihrer Kindheit.

 

Eine Siesta in der Gartenlaube
Eine Siesta in der Gartenlaube

Li treibt zur Eile, denn sie muss noch einmal zu Emil und seinen vierbeinigen Kollegen. Sie wollen fressen. Und das ist wichtig, denn, wenn sie nichts haben, machen sie den Gästen, die ziemlich nah an der Koppel des Abends und in der Nacht vorbei müssen, Stress. Jim dagegen kümmert sich um die Getränke bzw. weist die beiden jüngsten Töchter - Teenager - ein, die heute Abend ihr Taschengeld aufbessern. Die anderen fahren nach Hause, machen sich frisch und abendfein.


Ich sitze in der Gartenlaube und beobachte die ankommenden Gäste, die versuchen an Emil vorbeizukommen. Ein stolzer Schimmel, der, so scheint es, bei jeder attraktiven Tangoera die Nüstern aufbläst. Die Abendsonne steht tief im Westen. Es ist lauig warm und windstill. Wir werden heute Abend sicher gut schwitzen.

 

Ruth Schiffel am Flügel
Ruth Schiffel am Flügel

21 Uhr 30, Flores del Tango beginnt den Abend mit einigen traditionellen Tangos von Troilo, di Sarli und Gardel. Zügig füllt sich die Tanzfläche des etwa 60 Personen fassenden Saals. Ich hole mir bei den Girlis ein Glas Sekt und genieße die familiäre Atmosphäre. Ganz leicht komme ich mit einer Schweinfurterin - immerhin 110 km entfernt - ins Gespräch. Als die ersten Paare die Tanzfläche verlassen, stürzen wir uns zu einem Set aus mehreren Vals ins Getümmel. So zieht sich der Wechsel der Tanzpaare zwischen den verschiedenen Sets der Gruppe und der Musik aus der Konserve bis in die späte Nacht hinein.

 

 

Heddy Lüdden - Gesang
Heddy Lüdden - Gesang

Es muss schon kurz nach zwei Uhr sein als die letzten Paare das Blaue Haus verlassen. Ich wandere durch den Garten. Vereinzelte, schwach leuchtende Laternen zeigen mir den Weg zu Emil. Emil scheint noch immer da zu stehen, wo er am frühen Abend stand. Er ist in dem silbernen Mondlicht jetzt noch mehr Schimmel denn je.

 

Ich werfe ihm den Sattel über, steige auf und reite zu meiner Ranche am Rio de la Plata.

 

 

 

 

 

 

 

Roland Timmig                                                           www.blaues-haus-doellnitz.de