145 Jahre Alois Alzheimer

 
Zum Anlass des Geburtstages von Alois Alzheimer stelle ich den Arzt, Forscher und Menschen vor, der hinter der Alzheimerschen Krankheit steht.

 

Geburtstag

 

Wenn Alois Alzheimer 145 Jahre alt geworden wäre, dann hätte er am 14. Juni im Kreis seiner Familie gern und mit gutem Gewissen diesen Tag mit einem Gläschen Wein gefeiert. Besonders gegen den Wein hätte er sicher nichts eingewendet, seitdem dänische Wissenschaftler vom „Institute of Preventive Medicine" in Kopenhagen herausgefunden haben, dass ein gelegentliches Glas Wein vor Demenz schützen soll.* (Neurology 59, 2002; Seite 1313-1319) In den siebziger Jahren haben die Wissenschaftler 1709 Probanden nach ihren Trinkgewohnheiten befragt. 15 Jahre später wurden die selben Menschen auf ihre kognitiven Fähigkeiten untersucht. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die, die gelegentlich Wein tranken, weniger anfällig für dementielle Erkrankungen waren als die restlichen Probanden. Die Vermutungen gehen dahin, dass die im Wein vorhandenen Flavonoide für diese schützende Wirkung verantwortlich sind.

 

Jugend


Alois, der eigentlich auf den Namen Aloysius getauft wurde, erhielt diesen von seinem Taufpaten dem Kaplan zu Sulzfeld Alois Alzheimer. Aloysius kam am 14. Juni 1864 in Marktbreit am Main zur Welt. Es war Morgengrauen und die Sonne kündigte sich im Osten über dem Main an. Es war noch ruhig in dem kleinen idyllischen Marktflecken. Nur in dem zweistöckigen für damalige Verhältnisse geräumigen Haus in der heutigen Ochsenfurter Straße 15a herrschte Geschäftigkeit. Theresa, die zweite Frau des Notars Eduard Alzheimer lag in den Wehen. Sie gebar ohne Komplikationen ihrem Mann den Sohn Alois. Das Paar war mit Kindern gesegnet, denn Alois hatte noch acht weitere Geschwister.
Marktbreit war ein beschauliches, katholisches Städtchen mit Marktrechten, Fachwerkhäusern, engen Gassen und einem Schloss. Mit 10 Jahren verließ Alois seine Heimat und wechselte auf ein humanistisches Gymnasium in Aschaffenburg. Einige Jahre später folgte der Vater mit der restlichen Familie. 1883 legte Alois mit 19 Jahren seine Reifeprüfung ab.

 

Studium

 

Zum Studium zog es ihn wieder mainaufwärts nach Würzburg. Dort schrieb er sich für das Medizinstudium ein. Obwohl er in einem humanistisch geprägten Elternhaus groß geworden war und ein humanistisches Gymnasium besuchte, interessierten ihn die Naturwissenschaften. In der Medizin konnte er sein Interesse für die Natur und den Menschen am besten vereinen.


Für heutige Verhältnisse ließ er es entspannt angehen. Er verbrachte viel Zeit in einer schlagenden Verbindung, zog sich sogar einen Schmiss auf der linken Wange zu und besuchte im 2. Semester nur eine einzige Vorlesung. Jeweilige Gastsemester in Berlin und Tübingen lockerten seinen Studienverlauf auf. Während des Semesters in Tübingen wird er sogar wegen „ungebührlichen Lärmens" zu einer Geldstrafe von 3 Mark verurteilt. Besondere Interessen liegen im Sezieren und Mikroskopieren. So kommt es, dass er in seiner Dissertation 1887 „Über die Ohrenschmalzdrüsen" die Ergebnisse mit ausführlichen und exakt erstellten histologischen Tafeln belegt.


Nach dem Staatsexamen in Würzburg nimmt sich Alois eine Auszeit und begleitet eine geisteskranke Frau für 5 Monate auf ihren Reisen. Dieser Kontakt zu einer geisteskranken Person beeinflusst ihn scheinbar so sehr, dass er sich als Arzt an der „Städtischen Heilanstalt für Irre und Epileptische" zu Frankfurt am Main bewirbt.


Frankfurt am Main

 

Die Einrichtung kam Alois Alzheimer zu pass, es wurde geforscht und verschiedene Reformansätze umgesetzt. Anfänglich als Assistenzarzt und später als II. Arzt (Oberarzt) entwickelten er und sein Kollege und langjähriger Freund Franz Nissl moderne Methoden der Histopathologie. Sie sezierten dabei das Gehirn psychisch Kranker nach ihrem Tod. Aber auch andere für die damalige Zeit ungewohnte Betreuungsmethoden wurden umgesetzt. Anstatt die hyperaktiven Patienten mit Zwangsmaßnahmen wie Einzelzellen und Fixierung ruhig zu stellen, wird das „non-restraint"-Prinzip angewendet. Dabei werden die Patienten mit Aktivierungsprogrammen oder mit länger andauerndem Baden zur Ruhe gebracht.
Im Laufe seiner Frankfurter Zeit lernt er die Witwe Cecilie Geisenheimer kennen, lieben und ehelicht sie schließlich 1894. Sie ist vier Jahre älter als er. Es war eine glückliche aber nur kurze Zeit, in der die drei Kinder, zwei Mädchen und ein Junge geboren werden. Cecilie stirbt 1901 mit 41 Jahren an einer Angina. Alois Alzheimer heiratet nicht wieder. Seine Frau, die die Witwe eines wohlhabenden Frankfurter Kaufmanns war, hinterlässt ihm ein beachtliches Vermögen, das ihn in seinem späteren Berufsleben unabhängig von manch ökonomischen Zwängen macht. Für die Kinderbetreuung kommt seine Schwester Elisabeth in den Haushalt.

 

Auguste D

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Zum Ende des Jahres 1901 im November wird die geisteskranke Auguste D., geboren 1850 in der Frankfurter Irrenanstalt aufgenommen. Zu dieser Patientin gibt es eine ausführliche Patientendokumentation. Bei der Untersuchung protokolliert Alois Alzheimer genau die Aussagen der Patientin, der nur wenig mehr als die Erinnerung an ihren Vornamen geblieben ist.


„Wie heißen Sie?" „Auguste" stammelt sie zögerlich. „Familienname?" Pause! „Auguste" „Wie heißt ihr Mann?" „Ich glaube Auguste." Alzheimer wiederholt die Befragung an mehreren Tagen, doch die Antworten bleiben ähnlich monoton. Weiter überprüft er die intellektuellen und sprachlichen Fähigkeiten, ihre Reflexe und die Organfunktionen. Er konnte wie auch seine Kollegen keine Diagnose stellen. Gewissenhaft notierte er, „Allgemein verblödet" und „völlig stumpf".
Alzheimer verließ kurze Zeit darauf Frankfurt und folgte dem Ruf des Psychiaters Emil Kraepelin (1856-1926). Dies hinderte ihn jedoch nicht die Patienten-geschichte der Auguste D. weiter zu verfolgen. Nach fünf Jahren in der Städtischen Irrenanstalt verstarb Auguste D. am 8. April 1906 an einem Dekubitus. Alzheimer sezierte das Gehirn und entdeckte, das beträchtliche Teile der Hirnrinde, die Gedächtnis, Orientierung und das Gefühlsleben bestimmen, stark verändert waren. Er findet Eiweißablagerungen, verfilzte Faserbündel und tote Nervenzellen. Nur wenige Fortsätze der Nervenzellen hatten den Verfall überdauert.


Im November 1906 auf der „37. Tagung Südwestdeutscher Irrenärzte" stellte er unter dem Titel „Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde" seine vorbildlich geführten Ergebnisse vor. Da dies in einer Zeit der aufkommenden Psychoanalyse stattfand, fand seine Veröffentlichung bei den Fachkollegen kaum Interesse. Die These, dass der geistige Verfall der Frau mit den somatischen Veränderungen im Gehirn zusammenhängen könnte, fand keine Beachtung. Man betrachtete Geisteskrankheit immer noch als Folge unzüchtigen Lebenswandels. Folglich wurde die Arbeit archiviert und vergessen.

 

München

 

Nach dem Tod seiner Frau 1901 hält es Alzheimer nicht mehr lange in Frankfurt. Über eine kurze Zeit in Heidelberg folgt er Kraepelin nach München an die „Königliche Psychiatrische Klinik". 1903 beaufsichtigt er im Auftrag Kraepelins die Einrichtung und Fertigstellung der Klinik. Später übernimmt er deren Leitung. Alzheimer wird ein viel beschäftigter Arzt. 1904 habilitiert er an der Münchener Fakultät mit dem Thema „Über histologische Studien zur Differential-Diagnose der progressiven Paralyse". Anfänglich hat er die Stellung eines „wissenschaftlichen Assistenten" ohne Besoldung. Aufgrund seines Vermögens kann er diese Stellung annehmen. Dadurch ist er frei in seiner Forschung und in seiner Zeiteinteilung. Neben seiner Forschung hat er zahlreiche Vorlesungsverpflichtungen. Für Forschungszwecke wird ein Saal zum Mikroskopieren und ein weiterer Raum für Mikrophotographie für ihn eingerichtet. Diese Räumlichkeiten, der „Alzheimersche Mikroskopiersaal" werden zum Zentrum der neurohistologischen Forschung. Schüler und Mitarbeiter waren unter seiner Leitung unter anderem H.G. Creutzfeldt, U. Cerletti, A.M. Jacob und Gaetano Perusini. Mit Perusini doku-mentierte Alzheimer in den folgenden Jahren noch weitere Fälle von präseniler Demenz.


Erst 1906 erhält er die Stellung eines besoldeten II. Arztes (Oberarzt). Mit dieser Position ist er gleichzeitig Stellvertreter von Emil Kraepelin. Mit der Verantwortung wächst auch sein Arbeitspensum, so dass er zeitweise nicht einmal die Semesterferien zur Erholung nutzen kann. 1908 erhält er die Stellung eines „außerordentlichen Professors". Die Verpflichtungen wachsen ihm über den Kopf, so dass er im April 1909 auf eigenem Wunsch sich von seinen besoldeten Verpflichtungen befreien und zurückversetzen lässt. Daraufhin nimmt er wieder die Stellung eines unbezahlten „wissenschaftlichen Assistenten" ein.

Der acht Jahre ältere Emil Kraepelin war damals Verfasser eines Standardwerkes der Psychiatrie. Im Juli 1910 erscheint die überarbeitet Neuauflage seiner „Klinischen Psychiatrie". In dieser nimmt er auf Seite 221f das von Alzheimer beschriebene Krankheitsbild auf und bezeichnet es als die „Alzheimersche Krankheit". Dies ist die Geburtsstunde des Begriffs „Morbus Alzheimer".

 

Krankheit


Die Phase des befreiten Arbeitens dauerte bis zum Sommer 1912 an, dann verlässt er München. Er wird als Nachfolger von K. Bonhoeffer nach Breslau berufen und übernimmt dort das Direktorat der Psychiatrischen- und Nervenklinik der Schlesischen Friedrich-Wilhelm-Universität.


Während der Übersiedelung mit seinen beiden Töchtern und seiner Schwester Elisabeth - der 16 jährige Sohn Hans bleibt in Bayern auf einem Internat - erkrankt er an einer schweren Infektion mit Herzbeschwerden. Alzheimer muss sich scheinbar nicht die Zeit genommen haben, diese Infektion ordentlich auszu-kurieren. Mit großem Eifer und Engagement nimmt er seine Tätigkeit in Breslau auf. Doch er ist angeschlagen, im Sommer 1915, kurz nach der Hochzeit seiner ältesten Tochter Gertrud mit seinem Oberarzt Erich Sterz erkrankt er wieder. Im Oktober wird er bettlägerig, zur Infektion kommt eine Nierenerkrankung hinzu. Kurz vor Weihnachten am 19. Dezember stirbt er in Breslau an Nierenversagen. Vermutlich handelte es sich bei der Infektion um eine Endokarditis, die heute sehr einfach mit Penicillin behandelt werden kann.

 

Alois Alzheimer findet seine letzte Ruhestätte auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt am Main, wo seine Frau Cecilie fast 15 Jahre vorher beigesetzt wurde. Alzheimer hinterlässt drei Kinder und gibt einem von ihm entdeckten Krankheitsbild seinen Namen. Damit geht sein Name neben dem von Louis Pasteur als der wohl zurzeit meist genannte medizinische Terminus in die Geschichte ein. Alois Alzheimer wäre am 14. Juni 145 Jahre alt geworden.

 

 

 

Roland Timmig                                                                                           05/2009