Oh, ein Fußabtreter

 

Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie zur Ausstellung meiner Bilder hier in der Kanzlei Staenicke in Berlin. Ich wurde gebeten, einige einleitende Worte zu den Kunstwerken abzugeben. Aus meiner langjährigen Erfahrung kenne ich die viel gestellte Frage an Künstler „Was haben Sie sich dabei gedacht". Nun ich glaube, dass ich im Sinne vieler Künstler antworten kann, wenn ich behaupte, dass die Kollegen und ich sich während des Schaffensprozesses wenig Gedanken darüber machen, worin am Ende die Aussage des Werkes liegt. Wir Schaffenden sind, so wie Sie liebe Gäste, auch immer wieder Betrachtende des entstehenden Werkes. Statt über meine Sichtweise, Assoziationen und das, was ich so entdecken könnte, zu sprechen, möchte ich Ihnen lieber einige Anregungen geben, wie man Kunst und speziell diese Bilder betrachten kann.

 

Dazu möchte ich eingangs einen Sinnspruch aus dem Fernöstlichen vortragen, der die Richtung andeutet, in die es gehen soll:

 

Dreißig Speichen

 

Dreißig Speichen treffen die Nabe,
die Leere dazwischen macht das Rad.

Lehm formt der Töpfer zu Gefäßen,
die Leere darinnen macht den Krug.

Fenster und Türen bricht man in Wände,
die Leere damitten macht die Behausung.

Das Sichtbare bildet die Form eines Werkes,
das Nicht-Sichtbare macht seinen Wert aus.

 

 

Der Dichter unterscheidet in seinem Sinnspruch in das Sichtbare und in den nichtsichtbaren Teil eines Werkes. Bei den meisten Kunstwerken in dieser Ausstellung sieht man Bilder ohne Rahmen. Es sind Farben auf einer weißen Leinwand aufgebracht. Dass die Bilder weiß grundiert sind, erkenne ich daran, dass die aufgezogenen Leinwände an der schmalen Seite noch weiß sind. Ich sehe verschiedene Farbschichten, die einmal mehr und einmal weniger stark in der Lasur streifenförmig aufgetragen sind. Mit den Überlappungen entstehen neue Farbtöne, Übergänge zwischen zwei Farben. Es sind freie Flächen, die nach hinten, und farbige, die nach vorne treten. Farbige Streifen vor einer hellen Ebene.

FarbFragmente
FarbFragmente

Fahre ich in meiner Beschreibung fort, verlasse ich mehr und mehr die Ebene des reinen Sehens und begebe mich auf eine Ebene des Sehens mit Wissenshintergrund, mit Verstand. Ich nenne es im Folgenden die Ebene des Erkennens. Als Maler bin ich vorgebildet und routiniert, so dass ich selbst bei Bildern anderer Künstler erkenne wie sie entstanden sind. Hier zum Beispiel wurden immer wieder verschiedenfarbige Farbflächen aufgetragen und in der Überlappung sind weitere Flächen mit anderen Farben entstanden. Das Prinzip kennen Sie vom Aquarellmalen, Sie lassen zwei verschiedenfarbige breite Striche sich so kreuzen, dass eine dritte Farbfläche entsteht.

 

„Ich sehe drei Balken und erkenne zwei Farbstriche." Diese Aussage beinhaltet schon die nächste Eigenheit in der Wahrnehmung. Die Beschreibung der Form mit einem Begriff, der mich an einen „bekannten Gegenstand" erinnert. Es ist erstaunlich, dass ich die Striche als Balken bezeichne, alleine nur weil sie horizontal und vor einem hellen Hintergrund liegen, Dies passiert durch meine Assoziation.

Ich hatte schon einmal eine Kundin, die hat in meinen Bildern eine Ansammlung von Kreuzen gesehen. Bis dahin war mir das nicht gewahr, aber seitdem kann ich diese auch sehen. Auf alle Fälle gebe ich diesen Formen durch die Begriffe „Balken" oder „Kreuze" einen charakterisierenden Ding- oder Wesensbezug.

 

Es gibt also das Sichtbare - die Leinwand, die Farben, die Pigmente, die Art des Auftrags, die Form - und das Nichtsichtbare, das, was ich darin erkenne, was ich daraus mache. Das Erste hat etwas mit dem Ding, mit dem Objekt, das betrachtet wird, und das Zweite etwas mit dem Subjekt, mit mir und der Vor - Bildung des Betrachters zu tun.

 

Bei moderner, avantgardistischer, abstrakter Kunst haben Sie immer das Problem, dass der Betrachter mit Bilderfahrungen an ein Objekt herantritt, bei dem er erst einmal seine bisherige Bilderfahrung, seine bisherigen Begriffe hinten anstellen sollte. Stellen Sie sich die Schwierigkeit vor, einen Negerkuss zu betrachten, ohne dass die Erkenntnis, die Sie von einem Negerkuss haben, in den Vordergrund rückt und die Bild- bzw. Objektbetrachtung beeinflusst. Ich sage „Negerkuss" und - Sie haben das Bild eines Negerkusses vor Augen. Je nach Konditionierung läuft dem einen oder anderen auch noch das Wasser im Mund zusammen. Sie erkennen Negerkuss und stellen Ihre Tätigkeit des Sehens ein. Sie erkennen Balken und noch fünf andere Teilbilder und gehen dann zum nächsten Bild!

Ich möchte Sie zum längeren Hinsehen animieren, zum Sehen ohne sofortiges Erkennen.

 

Dass Künstler mit den inneren Bildern, die man bei der Betrachtung mitbringt, spielen, ist eine andere Sache. Ich verweiße nur auf René Magritte. Der benutzt ihre Seherfahrung und bringt sie ständig durcheinander, so dass Sie sagen: „Das stimmt nicht, was er da gemalt hat." Ein einfaches Beispiel ist ein Bild mit Wolken, wo die mittlere kumulusaritge Wolke als Feldbrocken gemalt ist.

 

Um sich im Alltäglichen zu Recht zu finden erkennen wir mehr, als dass wir einfach hinsehen und fragen „Was ist das?". Wir versuchen ständig zu ordnen. Beim Sehen versuchen wir, möglichst schnell den Dingen Werte und Funktionen zuzuweisen.

 

Dazu möchte ich ein Experiment mit ihnen durchführen. Dazu brauche ich zwei freiwillige Personen, Frau Susanne Staenicke (Chefin der Kanzlei, in der die Ausstellung stattfindet) und Ingrid (Freundin von Susanne Staenicke).

Ingrid, stellen Sie sich vor, Sie sind eine Mandantin der Kanzlei. Sie sind auf dem Weg zur Kanzlei, es regnet (ich gebe ihr einen Regenschirm) die Straßen sind nass und Sie haben nasse Schuhe. (Ich führe sie um die Ecke, so dass sie den weiteren Schauplatz nicht sieht.) Bitte bleiben Sie hier im imaginären Regen stehen, bis ich sie rufe. (Ich gehe zum eigentlichen Schauplatz zurück zu Frau Staenicke.) Frau Staenicke, Sie spielen die Rolle, die Sie immer einnehmen, wenn ein Mandant zu Ihnen in die Kanzlei kommt. Diese beiden Herren bilden die Tür, hier sind die Klingel und ein Fußabtreter. (Ich lege einen mitgebrachten konventionellen Abtreter vor die imaginäre Tür.) Ingrid, Sie können kommen! Es regnet in Strömen und Sie brauchen Ihren Schirm. Dort ist die Tür der Kanzlei! (Sie geht auf die Tür zu, drückt die Klingel.) Hallo Ingrid! Hallo Susanne! Ingrid, komm herein! (Ingrid schließt den Schirm vor der Tür, putzt die Schuhe auf dem Abtreter ab und tritt in die Kanzlei ein. Ich bedanke mich und bitte Ingrid noch einmal, samt Schirm um die Ecke zu verschwinden. Darauf hin erkläre ich den Zuhörenden und Beteiligten, dass wir die Geschichte noch einmal mit einer kleinen Veränderung spielen werden. An Stelle des Abtreters lege ich eine einfache, braungraue Jacke vor die „Kanzleitür". Ich falte sie so, dass sie in etwa das Format des Abtreters hat. Nun bitte ich Ingrid wieder um die Ecke zu kommen und an die verregnete Situation zu denken. Die Straßen sind nass und ihre Schuhe feucht und schmutzig. Sie geht auf die Tür zu und bleibt vor dem „Abtreter" stehen. Sie klingelt, die Tür geht auf, ... Frau Staenicke bittet ihre Freundin herein. Ingrid schließt den Schirm, schaut nach unten, verweilt einen Augenblick und macht einen Schritt über den Abtreter in die Kanzlei.)

Liebe Gäste, es wäre egal gewesen, ob Ingrid ihre Füße auf der Jacke abgetreten hätte oder, wie sie es getan hat, einen Schritt über die Jacke hinweg gemacht hat. Ich nehme an, sie hat die Jacke als solche erkannt; ihre Achtung vor dem Wert dieser Jacke war größer als ihre „Not", sich die Füße abzuputzen. Eigentlich hatte die Jacke ganz eindeutig die Funktion eines Fußabtreters übernommen. Sie lag eindeutig in Form und Maß gefaltet auf einem Platz, wo ein Fußabtreter normalerweise liegt.

 

An diesem Punkt komme ich zu einem Kunstobjekt, das ich für die heutige Eröffnung mitgebracht bzw. an die Wand gehängt habe. Ich hoffe, es hat so manche innere Entrüstung bei Ihnen ausgelöst. Dieses Kunstobjekt spielt mit Ihren inneren Wahrnehmungsordnungen im Sinne von René Magritte oder wie auch der Stierkopf von Picasso, der nur aus einem Fahrradsattel und einer Lenkstange gebildet ist. Es ist dieser Fußabtreter.

Fußabtreter
Fußabtreter

Ich habe ihn bei einer Bekannten vor der Tür gefunden. Beim Eintreten habe ich mich genau wie Ingrid verhalten. Obwohl dieses Objekt viel eindeutiger die Wesenszüge - Dinglichkeit - eines Fußabtreters aufweist, habe ich gezögert, meine Schuhe darauf abzutreten. Ausschlag-gebend für mein stutzendes Verhalten war das abgebildete Motiv. Aufgrund meiner künstlerischen Prägung würde ich das Motiv nicht als flach auf dem Boden liegendes Motiv betrachten, sondern es in Augenhöhe an die Wand hängen.

 

Als ich dieses Objekt liegen sah, habe ich gesagt „Oh, ein Bild, das auf dem Boden liegt!" Als Sie das Objekt an der Wand hängen sahen, haben hoffentlich einige von Ihnen gedacht „Oh, ein Fußabtreter, der an der Wand hängt!"

 

Pablo Picasso

 

„Eines Tages nehme ich einen Fahrradsattel und eine Lenkstange, setze sie aufeinander ich mache einen Stierkopf. Sehr gut. Was ich aber sofort danach hätte tun sollen: den Stierkopf wegwerfen. Ihn auf die Straße, in den Rinnstein, irgendwohin werfen, aber wegwerfen. Dann käme ein Arbeiter vorbei, läse ihn auf und fände, daß man aus diesem Stierkopf vielleicht einen Fahrradsattel und eine Lenkstange machen könnte. Und er tut es. . . Wundervoll wäre das.“

 

Was wir gesehen haben, war beide Male gleich. Was wir darin erkennen und aus dem Motiv machen, hängt von unseren individuellen Fähigkeiten ab.

 

Ich möchte Sie animieren, beim Sehen und Erkennen der Bilder möglichst behutsam und langsam vorzugehen, sich Zeit zu nehmen und beim Wahrnehmen des Sichtbaren dies nicht gleich in ein Ihnen vertrautes Erkennungsmuster zu pressen. Reden Sie mit ihrem Nachbarn über ihre Wahrnehmungen und Assoziationen und Sie werden erfahren, dass er vielleicht ganz andere hat, aber die Sie, wenn Sie ihren Blickwinkel einmal ändern auch entdecken und nachvollziehen können

 

Zum Abschluss noch ein Gedicht von Christian Morgenstern, der scheinbar auch schon dieses Fußabtreterproblem kannte:

 

Palmström

 

Palmström steht an einem Teiche
und entfaltet groß ein rotes Taschentuch.
Auf dem Tuch ist eine Eiche
dargestellt sowie ein Mensch mit einem Buch.

 

Palmström wagt nicht, sich hineinzuschnäuzen.
Er gehört zu jenen Käuzen,
die oft unvermittelt nackt
Ehrfurcht vor dem Schönen packt.

 

Zärtlich faltet er zusammen,
was er eben erst entbreitet.
Und kein Fühlender wird ihn verdammen,
weil er ungeschnäuzt entschreitet.

 


Roland Timmig                                                               Berlin, den 8. November 2003