Durchsichten


Roland Timmig zeigt Farbverdichtungen im Bistro, "Die Insel" in Witten an der Ruhr

 

Sie alle kommen heute Abend hierher aus den verschiedensten Richtungen, von der Arbeit, von zu Hause, aus dem Alltag mit all dem Stress, der Unruhe, den alltäglichen Dingen, Beschäftigungen und Erledigungen.
Dabei fiel mir vor einigen Tagen auf, dass ich - gefangen in diesem hektischen Alltag - bei Roland Timmigs „Durchsichten" sofort an die für mich noch anstehende „Durchsicht" eines riesigen Stapels von Akten und Berichten dachte. Gefangen, und eigentlich fast blind für die hier vorhandenen „Durchsichten".
Ich möchte Sie heute gerne mitnehmen, auf eine kleine Reise, weg von der alltäglichen Welt, hin zu Farben, Licht und Räumen. Ein wenig im Sinn von Goethe, der meinte:

 

„Man weicht der Welt nicht sicherer aus,
als durch die Kunst,
und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr,
als durch die Kunst."

 

Ich habe Ihnen dazu etwas mitgebracht: eine Scheibe Mineral, genau „Silikatver-dichtungen", entstanden in tausenden von Jahren durch Blätter, Erde und Holz (übrigens das zentrale Material in Roland Timmigs Kunstschaffen), die in Schichtungen zusammengepresst wurden. Verdichtet zu Mineral. Diesen Prozess können wir mit viel Licht erahnen, wenn ich versuche gegen und mit dem Licht durch die Mineralien zu schauen. Wir brauchen das Licht, um die Farben zusehen, um die einzelnen Farb-Schichten zu sehen und um die Transparenz, die vage Durchsichtigkeit wahrzunehmen. Hier schaffen die „Schichten" von Materie neue farbige Ebenen, neue Farben.


Roland Timmig schafft mit seinen Farbschichten, Farbverdichtungen Materie. Er legt Farbe für Farbe nebeneinander und übereinander. Sie verbinden sich und stehen neben- und miteinander. Warme Gelb- und Brauntöne „spielen" harmonisch zusammen, dort, wo sie sich zu Braun und Schwarz verdichten, entstehen spannungsvolle, klare Konturen, Kanten. Dort verdichten sie sich zu kompakter Materie, zu einem kompakten Gegenstand. Hier beginnt ihre Existenz als Ding. Als ein Ding, das in einer relativ strengen, gradlinigen Ordnung, Komposition steht. Denn wir finden keine runden Formen oder Linien, sondern Senkrechten, Geraden, Quader und Pfeiler, die sicher und fest stehen.

Durchsichten
Durchsichten

 

Dort, wo sich diese Gelb- und Brauntöne mit den kühleren Blau- und Brauntönen annähern, scheinen sie sich mit der Hintergrundfläche, der sie umgebenen Farbe zu verbinden. Sie beginnen sich als Dinge aufzulösen. Und, man meint fast durch sie hindurchsehen zu können! Dieses sich Verdichten und Verbinden und wieder Auflösen lässt die (Bild-)Atmosphäre leicht flirren, lässt sie in Bewegung erscheinen.

 

„Die Farben sind die Taten des Lichtes", sagt Goethe.

 

Und das Licht schafft hier nicht nur die Farben, ihre Verdichtungen zu Materie und ihre Auflösung, es bleibt auch etwas unheimlich, diffus, schwierig erfassbar. Wir sehen keine Schatten. Eine Lichtquelle ist nicht eindeutig auszumachen. So erleben wir in dem Farb-Raum des Bildes - und wir sind bereits mittendrin! - eine Stille - vielleicht Verlassenheit und Melancholie?! - und Ruhe. Aber auch so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm, kurz vor einer Veränderung, einer Bewegung. Ein Stillstand, der nicht wirklich stillsteht, sondern flirrt und deshalb zum Weitersehen verleitet. Wir blicken also zwischen den Kanten, Säulen oder Quadern, Blöcken, Bauten ...?! hindurch in eine unklare, unbekannte, diffuse, aber auch helle, freundliche Tiefe. In eine Weite, die weder unendlich noch endlich erscheint. Aber irgendwie unwirklich wirklich. Wirklich ist unsere Bewegung durch den Raum des Bildes, durch seine Atmosphäre - Schichten. Und dabei sind wir vielleicht mit einem gewissen Erstaunen den „Taten des Lichtes" - der Farbe - auf der Spur wie Roland Timmig.


Ein Staunen bemerkte ich auch - und damit möchte ich meinen Weg mit Ihnen heute Abend auslaufen lassen - in Roland Timmigs Beschreibung seines Weges: Er kam als Architekt, mit dem Er-Schaffen von konkreten Räumen immer mehr zur Gestaltung von Innenräumen, Farbflächen, Flächen. (hier spielt dann das eben erwähnte Holz in Objekten und Holzkollagen die zentrale Rolle.) Und nun hat er mit der Fläche die Malerei erreicht und stellt staunend fest:

 

„Ich schaffe Räume! Räume, in denen man sich bewegen kann,

durch die man hindurchgehen kann!"

 

Mit diesen Gedanken und Staunen wünsche ich Ihnen viele Erlebnisse mit Roland Timmigs „Durchsichten"!

 

 

 

Jeannette Peters M.A. Unna                                                Witten, im Juni 1997