Herz und Hirn
Der Tag hatte eigentlich ganz normal begonnen. Hirn hatte Muskeln und Sehnen gestreckt und den Mensch aus dem Bett bewegt. Herz hatte noch ein wenig weiter gedöst, es kam in diesen Tagen nur langsam auf Trab. Manchmal wachte es erst vor dem Badezimmerspiegel auf, wenn Hirn von Auge erfahren hatte, was ihm da entgegenschaute. Dann regte sich Herz immer wieder mächtig auf und Hirn stellte seufzend fest, dass es und Herz, die sich doch so lange kannten, wohl nie zuein-ander finden würden. Für Hirn war die Meldung von Auge nämlich einfach nur logisch: Zu kurz die Nacht, zu lang der Abend mit der Freundin.
Es begann zwei Stunden später.
Auge und Ohr hatten „den besten Freund und Kollegen" gemeldet. Es war nicht Auges Schuld, aber Hirn merkte immer wieder, auch wenn es das nur ungern zugab, dass Herz sich an diesem Punkt mit guten Gründen zurückgezogen hatte. So etwas sagt man aber nicht, man denkt es nur.
Als Hirn dann eine Meldung von Ohr weitergab, regte sich Herz zum ersten Mal richtig auf. Denn Ohr hatte eine dieser unsäglichen Belehrungen gehört: „Du solltest dich einmal um dich selbst kümmern." Hirn hatte gleich den Ton hinterfragt und gemeint, er wäre ziemlich unfreundlich. So regte sich Herz also auf und Hirn beschloss, wegen eines Kneipengangs mit dem "besten Freund" am Wochenende keine Befehle an Stimme zu geben.
Es war ein besonderer Tag, denn der Sohn des Menschen würde seine Hochzeit feiern und dabei sein würde auch die Ex des Menschen, die EheMalige, seine EinstBegehrte und EndlichVerlorene. Hirn verwaltete viele Bezeichnungen für sie und war mit sich unzufrieden, denn es beschäftigte sich in diesen Stunden viel zu viel mit diesem Tag und vor allem mit der EheMaligen. Hirn wusste, Herz würde darunter leiden.
Hirn lief jetzt auf Hochtouren, denn die letzte Bemerkung war falsch. So unter-schiedlich es und Herz waren bestand in diesem Punkt doch Einigkeit. Nach langem Zureden hatte Herz sich dazu bereit gefunden, der EinstBegehrten keinen Raum mehr zu geben und Hirn wusste, dass Herz an diesem Punkt nicht log. Das Problem von Herz war ein anderes: Es musste immer noch die Dinge erleben, die es doch ganz und gar vergessen wollte und Hirn schaffte es nicht immer beruhigend einzuwirken.
Während Hirn noch sehr mit sich beschäftigt war, hatte Herz wieder einmal Magen befohlen sich zu verkrampfen. Mist, jetzt hatte Hirn ein Problem, denn für Magen war es nicht zuständig. Das war allein die Sache von Herz und da Herz, ehrlich gesagt, ein wenig dumm war, brachte es Magen immer in den falschen Momenten in Bewegung. Für Hirn war das Schwerstarbeit, denn ihm gehörte das Ganze und wenn Magen verrückt spielte war an einen geordneten Tag nicht zu denken.
Die Feier war dann so, wie sie sein sollte, nämlich schön. Hirn hatte es gewusst. Natürlich hatte Herz erneut dazwischen gefunkt. Es hatte nicht nur seine Befehle an Magen nicht zurückgenommen, es hatte auch noch das Geheimabkommen mit Auge wieder einmal in Kraft gesetzt. Hirn musste lachen, denn es war eine alte Geschichte. Herz hatte in schweren Tagen, als es Magen in einem festen und ständigen Griff hatte, Auge überredet die EndlichVerlorene nicht mehr anzusehen. Es brauche dies zu seinem Schutz, hatte es gesagt. Hirn hatte schnell herausgefunden, dass dies so ein typischer Blödsinn von Herz war, aber bitte schön. Bis heute hatte Herz dieses Ritual beibehalten und genau dies brachte Hirn zum Grinsen, denn es war gar nicht mehr nötig. Nur Herz war wirklich zu dumm es zu merken.
Als dann spät am Abend alles vorbei war, regte sich Herz wieder ab und murmelte nur noch, dass es sich selbst nicht verstehe. Hirn hatte auf der Heimfahrt in der Tram dann Stimme und Ohr angewiesen ein Gespräch mit anderen netten Menschen anzufangen. Das beruhigte Herz vollends. Es schmollte ein wenig und weigerte sich zuhause noch eine Weile Magen die Nahrungsaufnahme zu erlauben.
Am nächsten Morgen gewann Hirn wieder mehr Vertrauen in Herz. Ein wenig Ablenkung bei der Herstellung einer Torte für die Freundin und schon hatte Herz alles vergessen. Und auch Hirn war dankbar endlich wieder in den Normalbetrieb gehen zu können.
Es endete, wie es immer endet. Hirn war ganz zufrieden mit sich, auch wenn es in den letzten Jahren schmerzlich hatte lernen müssen, dass es nicht alleiniger Chef war. Und Herz meinte in seiner Einfältigkeit, dass es sowieso mache, was es wolle.
Hirn wusste, dass noch sehr viel Arbeit vor ihm lag und es Herz überreden musste, ordentlich mitzumachen. Gerade dieses Herz, das Heute so und Morgen so war. Hirn würde Geduld haben müssen und nahm sich das auch ganz fest vor ....
Knut
Schiller
08/2009
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